“Nun, meine lieben Freunde, setzt euch heran ans Feuer, denn ich werde euch eine Geschichte erzählen, die so alt ist wie die Berge selbst. Es geht um die hohen, schneebedeckten Gipfel der Alpen, wo der Wind durch die steilen Täler pfeift und die Bäume wie uralte Riesen stehen, deren Wurzeln tiefer reichen als manch eine Höhle. Ja, dort, in diesen abgelegenen Wäldern, wo die Menschen sich nur selten hinwagten, lebte ein Wesen von solcher Geheimnisumwitterung, dass es nur im Flüsterton weitergegeben wurde – der Wolpertinger.
Aber lasst mich am Anfang beginnen.
Vor vielen hunderten Jahren, als die Alpen noch wilder und weniger von Menschenhand berührt waren, gab es in den tiefsten Wäldern und auf den höchsten Felsen Kräfte, die älter waren als die Dörfer, die sich in den Tälern schützend an die Berghänge schmiegten. Die Menschen dort lebten zwar hart und einfach, doch sie hatten eines verstanden: Diese Berge waren durchdrungen von uralter Magie, einer Wildheit, die man achten musste.
In jenen Tagen regierte der mächtige Tergon, ein alter Waldgeist, der tief in den Schatten der Alpen hauste. Niemand wusste genau, ob Tergon je ein sterbliches Wesen gewesen war oder ob er schon immer ein Teil der Natur selbst war, geboren aus den Felsen und den Flüssen der Alpen. Tergon war ein stiller Wächter, der die Jahreszeiten kommen und gehen ließ, ohne einzugreifen. Doch er sah alles, was in den Wäldern und Tälern geschah, und sein Herz war mit dem Land verbunden. Solange die Menschen den Wald respektierten und nur das nahmen, was sie brauchten, ließ er sie in Frieden.
Doch, wie es oft geschieht, begannen die Menschen, gierig zu werden. Immer mehr trugen sie Holz aus den Wäldern heraus, immer tiefer drangen die Jäger in die Wälder vor. Sie töteten nicht nur das Wild, das sie zum Überleben brauchten, nein – sie jagten um des Jagens willen. Der Ruf des Adlers über den Gipfeln wurde seltener, das Rascheln der Hasen in den Büschen verstummte, und die majestätischen Hirsche, die einst stolz durch die Wälder zogen, flohen in die dunkelsten Winkel der Berge.
Eines Tages, so erzählt man sich, überschritten die Menschen eine Grenze, die sie nicht hätten überschreiten dürfen. Eine Gruppe von Jägern stieß auf einen uralten Hain, versteckt in einem der einsamsten Täler der Alpen. Dort, inmitten von Bäumen, deren Stämme so alt wie die Berge selbst schienen, lebten Tiere, die unter dem besonderen Schutz Tergons standen. Doch die Jäger, blind vor Gier, machten vor nichts Halt. Sie jagten und töteten, ohne Reue, und damit brachen sie das uralte Gleichgewicht der Natur.
In dieser Nacht, als der Vollmond über den schroffen Felsen aufging und die Alpen im silbernen Licht erstrahlten, trat Tergon aus dem Schatten der Bäume. Seine Augen, so sagt man, leuchteten wie brennende Kohlen, und sein Zorn war wie das Donnern eines bevorstehenden Sturms. Er wusste, dass das Gleichgewicht wiederhergestellt werden musste, und er wusste auch, dass es Zeit war, die Menschen an ihre Grenzen zu erinnern.
Mit einem uralten Zauber, der nur in den stillsten, dunkelsten Winkeln der Alpen gesprochen wird, rief Tergon die stärksten und schlauesten Kreaturen des Waldes zu sich. Aus den Wolken herab kam der Adler, dessen Flügel so groß waren, dass sie den Himmel verdunkelten. Der Hirsch, mit seinem majestätischen Geweih, erschien aus dem Nebel der Täler. Der Hase, flink wie der Wind, schlich herbei, und auch der Fuchs, schlau und gerissen, kam leise angetappt. Zusammen formte Tergon aus diesen Tieren ein einziges Wesen, mächtiger und wunderlicher als jedes, das je die Alpen durchstreifte: den Wolpertinger.
Der Wolpertinger war eine Kreatur, wie sie nie zuvor gesehen wurde. Er trug die Schwingen des Adlers, die Hörner des Hirsches, die Schnelligkeit des Hasen und die List des Fuchses. Doch mehr noch – in ihm lebte die rohe, uralte Magie der Alpen selbst. Tergon gab ihm den Auftrag, über die Wälder und Berge zu wachen um sicherzustellen, dass die Menschen das Gleichgewicht der Natur nie wieder stören würden.
Und so begann der Wolpertinger, durch die Berge zu streifen. Man erzählt sich, dass er im Nebel erscheint, wenn ein Mensch zu gierig wird oder das Land mit Respektlosigkeit behandelt. Ein Wispern im Wind, ein Schatten, der nur im Augenwinkel zu erhaschen ist. Die Jäger, die ihn sahen, kehrten oft zitternd ins Dorf zurück und keiner von ihnen konnte je genau beschreiben, was sie gesehen hatten. Einige erzählten von gewaltigen Flügeln, andere schworen, sie hätten ein Geweih im Nebel gesehen. Aber eines hatten sie alle gemeinsam: Sie hatten Angst. Eine tiefe, uralte Angst, die von der Erkenntnis kam, dass die Alpen nicht nur aus Felsen und Bäumen bestanden, sondern aus Kräften, die größer waren als sie selbst.
Und so, meine lieben Freunde, wuchs die Legende des Wolpertingers. Generationen gingen vorüber, die Menschen lernten, die Wälder und Berge wieder zu ehren. Doch der Wolpertinger blieb. Vielleicht, so denke ich, streift er noch immer durch die dunklen Täler der Alpen, bereit, jeden, der zu viel nimmt oder das Land verletzt, an die alten Gesetze zu erinnern. Denn die Alpen mögen schweigsam sein, aber sie vergessen niemals.”
“Aber das ist natürlich nur eine alte Geschichte. Ob sie wahr ist? Nun, das bleibt eurer Fantasie überlassen!”